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Das Labyrinth kennt keinen Kreuzweg. Es gibt
nur zwei Wege - hinein und hinaus. Es geht immer nur geradeaus,
nach vorn, in die Zukunft, dies allerdings in äußerster
Differenziertheit, welche die Bewegungsgesetze der Welt,
modern gesagt, gewissermaßen simuliert.
Man kann sich also gar nicht verlaufen. Die
Gefahr ist eine andere: wer einmal bewußt ein Labyrinth
selbst gezeichnet, betreten, befahren, erforscht und meinetwegen
auch erobert hat, weiß, wie schwer es ist, den Weg zurück
in den Alltag zu finden.
Im Innern' ist es warm, Uterus! Die Gefahr,
nicht wieder loszukommen, ist groß. Hier hat die Angst
ihren Grund. Nur noch das größere Entsetzen, mit
sich allein bleiben zu müssen und die Erinnerung an die
Außenwelt, also Liebe, soziale Bindungen, Neugier, geben
den nötigen Schub und Zug für eine Rückkehr -
Ariadnes Faden. Der Minotaurus ist letztlich nichts anderes
als der Verlust der Erinnerung an die Außenwelt, Tod.
Das Ende des Labyrinths ging mit der Unterwerfung der minoischen
Kultur durch die alten Griechen einher.
Dorier, Traker und Illyrer errichteten gewaltsam
ihre patriarchale Herrschaft, Theseus tötete Minotaurus.
Die
Kirche und das Labyrinth.
Die
Tötung des Minotaurus markiert den Bedeutungswechsel des
Labyrinths im abendländischen Bewußtsein. Von nun
an bestimmten nicht mehr die kretischen Göttinnen, sondern
der griechische Gott Zeus. Der Labyrinthkult wurde in den sozialen
Untergrund und ins mythische Unterbewußtsein verdrängt,
die minoischen Göttinnen ins patriarchale Geschehen des
Olymps integriert. Wenige Jahrhunderte später ist nur noch
der Irrgarten gemeint, wenn von Labyrinth die Rede ist. Parallele
Entwicklungen finden sich auch in anderen Teilen der damaligen
Welt, z.B. in China und Ägypten.
Ein besonderes Kapitel sind die Versuche
der katholischen Kirche, das Labyrinth in die Kreuzform zu zwingen,
um die zwar unterworfene, aber nicht gebrochene und, solange
es Frauen und Männer gibt, nicht zu brechende erotische
Kraft alter Mysterienkulte zu neutralisieren. Hunderte solcher
Labyrinthe schmücken Kirchen und geistliche Bücher
aus der Zeit vor der Renaissance. Wer die griechische, die ursprüngliche
kretische oder gar noch frühere Formen der alten Figur
benutzte, wie im Zuge der Urchristenbewegung im elften, zwölften
und 13. Jahrhundert die Manichäer und andere, mußte
dagegen damit rechnen, als Häretiker, später als Hexe
verfolgt zu werden.
Linien
im Sand.
So
blieb das Labyrinth, sofern es nicht gelang, es einfach als
Zeichen des Chaos zu verteufeln, eingeschlossen in die darüber
errichtete Welt der patriarchalen Pyramide, des Kreuzes, des
rechten Winkels und der moralischen Kasuistik. Jetzt bricht
die alte Figur mit voller Kraft aus den bröckelnden Panzerungen
unserer heutigen Welt hervor. Aber, so wie es schwerer ist,
aus einem Labyrinth wieder herauszuwinden, so ist es auch mühsamer,
heute aus den Mauern der Pyramiden, aus dem Bann des Kreuzes
und dem linearen Fortschritts-Verständnis herauszutreten.
Man beginnt am besten im Sand, im Schnee oder sonst irgendwo,
wo man der selbst aufgezeichneten oder ausgelegten Grundlinie
folgen kann. Dieses Experiment kann ungeahnte Folgen für
die haben, die es wagen. Wer sich nicht scheut, sich in diesen
Prozeß hineinzubegeben,kann die Wiedergeburt von Geschichte
erleben.
Wer etwas über die Menschen im postsowjetischen
Labyrinth, über die Veränderungen im euroasiatischen
Raum, über den neuen Dialog zwischen Ost und West, Asien
und Europa erfahren möchte und sich dabei nicht vor Labyrinthen
fürchtet, den lade ich ein, einen Blick auf meine Bücher
und andere Veröffentlichungen sowie Seminar- und Veranstaltungs-Angebote
zu werfen.
Dieser
Text folgt teils sinngemäß, großenteils jedoch wortwörtlich
dem Kapitel."Vom Irrgarten zum Labyrinth - oder wie finde
ich mich im Chaos zurecht?" meines literarischen Reiseberichtes
"Jenseits von Moskau", den Sie im Buchhandel
erwerben oder direkt über mich per E-Mail beziehen können.
Auch
am persönlichen Gespräch bin ich interessiert.
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